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Am Abend des 28.12.1990 wurde der 17-jährige Nihad in Hachenburg von einem gleichaltrigen Naziskin erstochen. Vorausgegangen waren wochenlange Beleidigungen und Bedrohungen durch die Nazis, die gegenüber der Wohnung von Nihads Familie in einem Parkhaus ihren Treffpunkt hatten.
Was folgte waren die üblichen zivilgesellschaftlichen Reflexe: Empörung, Unverständnis, Demonstration, Lichterkette. Regionalpolitiker die mahnend den Finger hoben und schworen das sich so was nicht mehr wiederhole, Diskussionen in der Regionalpresse wie so was „hier bei uns“ passieren konnte. Immer wieder der Verweis auf die „einzelnen geistig Verblendeten“ die für solche Taten verantwortlich seien. Die Familie von Nihad traute diesen Beteuerungen nicht und verließ den Westerwald. Schnell war Nihad aus der Presse verschwunden und die Lichterketten erloschen. Der Täter wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Totschlags verurteilt, allerdings wurden sie nach 2/3 der Haftstrafe wieder aus der Haft entlassen.

Westerwald 1990

Es war die Zeit nach der Wiedervereinigung, nach der gewonnenen Fussball-WM in Italien, die Zeit in der ein neues Patriotismusgefühl reifte, Mensch wieder „Stolz war, Deutscher zu sein“ und auch im provinziellen Westerwald auf keinem Volksfest, keiner Party die obligatorische Naziskinhead-Clique fehlte. Es waren nicht viele, vielleicht 30-40 im Westerwald die Ihre rassistische und antisemitische Gesinnung so offen nach außen trugen, umso mehr hätten sie auffallen müssen und taten es auch, umso verwunderlicher war es auch, dass nach der Tat kaum einer von den Neonazis gewusst haben wollte. So trafen sich doch jedes Wochenende mindestens 20-30 Neonazis in Montabaur (Kreisstadt Westerwald) am Konrad-Adenauer Platz um gemeinsam zu trinken und vorbei laufende Migrant_innen und Andersdenkende zu beschimpfen. So gab es doch schon Wochen vor dem Mord an Nihad faschistische Schmierereien in dem Parkhaus, wo die Nazis sich trafen, Übergriffe in Form von verbalen Anfeindungen und Flaschenwürfe auf die Rollläden der 8-köpfigen kurdischen Familie im dicht bewohnten Gebiet. Hatte wirklich niemand etwas davon mitbekommen? Der Täter, der in Bad Marienberg zur Schule ging und schon früh der neonazistischen Skinheadszene angehörte, Mitglied der „Taunusfront“ war, war kein unbeschriebenes Blatt. Nein, es war keine Überraschung, dass so etwas passieren könnte nur schwieg die Mehrheit der Bürger_innen, verantwortlichen Lehrer_innen als er und seine Clique sich immer mehr radikalisierten. Es passte einfach nicht in die beschauliche Landidylle und
außerdem war in den Kneipen von Bad Marienberg, Hachenburg oder Rennerod nicht selten zu hören das es doch ein „Asylproblem“ gäbe und „die hier nichts zu suchen hätten“


Westerwald Heute:

20 Jahre ist die Tat nun her, in Hachenburg erinnert kaum noch etwas an diese brutale und feige Tat. Doch ist es nicht so, dass die Menschen aufgewacht sind. Ist es nicht so, dass Mensch den Eindruck hat, es habe eine Sensibilisierung für dieses Thema gegeben. Im September noch besuchte Udo Voigt seinen NPD-Kreisverband Westerwald und lobte ihn als „Vorzeigeverband“, die rechte Szene im Westerwald ist nicht kleiner geworden im Gegenteil, 2004/2005 gab es einen erneuten Höhepunkt rechter Umtriebe durch die Kameradschaft Westerwald die brutal gegen Andersdenkende und Migrant_innen vorging, Pogrome gegen ein Flüchtlingswohnheim in Derschen (Daaden) die erst nach massivem Nachfragen durch die Presse ans Tageslicht kamen, Nazikonzerte, Liederabende, Flyeraktionen auf Schulhöfen, all das gehört zum Alltag im Westerwald und auch heute schauen viele weg wenn Rassist_innen und Antisemit_innen hier ihre menschenfeindlichen Parolen verbreiten. Die NPD errang bei der letzten Kreistagswahl sogar ein Mandat im Kreistag. Dabei zeigt sich das Vorgehen der Verantwortlichen hier immer wieder stereotypisch, es wird geleugnet, verschwiegen und erst zugegeben, wenn gar nichts mehr zu retten ist. Auch heute wird im Westerwald und anderswo versucht, das Naziproblem kleinzureden oder am besten ganz zu verschweigen.

Landidylle, Gesellschaft, Nazis- Mord!

Das Erstarken von nationalen Bewegungen und Gedankengut führte in der Bundesrepublik zu einem ansteigen von rassistisch/chauvinistischen Gewalttaten. Wobei diese nicht ausschließlich von Neo-Nazis begangen wurden und werden. Die sogenannte Mitte der Gesellschaft lieferte bzw. liefert immer wieder Steilvorlagen die die Täter_innen bestätigen oder ermutigen ihre Taten durchzuführen bzw. durchgeführt zu haben. In Zeiten in denen ein Thilo Sarrazin großen Zuspruch erhält wenn er vom Juden-Gen oder von genetisch bedingter Intelligenz spricht ist es nicht verwunderlich, dass Gewalttaten gegen Nicht-Weiße verbreitet sind. Das Problem auf die sogenannten „Extremisten“ zu verlagern wird der gesellschaftlichen Realität in der BRD nicht gerecht. Eine Stimmung wurde und wird erzeugt, die die rassistischen Schläger_innen sich selbst als legitime Vollstrecker_innen eines Volksmobs erscheinen lassen bzw. lässt. Wenn der Bundesregierung 1993 nichts anderes als Konsequenz auf die Pogrome in Hoyersverda und Rostock Lichtenhagen einfällt, als das Asylgesetz faktisch abzuschaffen. Wenn in Zeitungsmeldungen immer wieder Ahnenforschung bei Nicht-Weißen Täter_innen betrieben wird, bei Weißen Deutschen jedoch nicht nach dem Geburtsort des Großvaters gefragt wird. Wenn ständig vom Untergang des Abendlandes gesprochen wird, dann ist es nicht verwunderlich, dass über 140 Todesopfer seit 1990 zu betrauern sind, am Sonntag den 24.10.2010 gab es den letzten rassistischen Mord. Ein junger Nicht-Weißer Mann wurde vor dem Hauptbahnhof in Leipzig von 2 Weißen Männern ermordet. Daher wollen wir am 28. Dezember nicht nur Nihad betrauern, sondern auch allen anderen Opfern rassistisch oder antisemitisch motivierter Gewalt.

Das Problem heißt Rassismus!

Wir rufen Euch deshalb auf mit uns gemeinsam am 28.12. im Gedenken an Nihad und all den anderen Opfern rechter Gewalt und gegen Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Sexismus zu demonstrieren.

Wann: 28.12.2010 18 Uhr
Wo: Hachenburg Bahnhof